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Wie konnte es so weit kommen? Die Rassismuskrise an einer Mittelschule in Nizza erschüttert die Schule.

Lehrerin spricht mit einer Gruppe Schüler im Schulflur, alle mit Unterlagen. Fenster und offene Tür im Hintergrund.

Backpacks knallen gegen Spinde, Kinder schreien in drei Sprachen gleichzeitig, eine Lehrkraft versucht, zwei Jungen zu trennen, bevor es wirklich schlimm wird. Auf dem gekachelten Boden hat jemand mit dickem schwarzem Filzstift ein einziges Wort geschrieben: „SALE“. Daneben ein weiteres Wort, wütend hingekritzelt, das auf einen nordafrikanischen Nachnamen zielt. Eine Aufsicht wischt alles schnell mit Desinfektionsmittel weg, als könnte das Auslöschen der Beleidigung die Wunde auslöschen.

Im Lehrerzimmer zittern Kaffeebecher in müden Händen. Eine Mathelehrerin liest den Bericht über den neuesten Vorfall noch einmal, schüttelt den Kopf und flüstert: „Ich frage mich, wie wir hier gelandet sind.“ Draußen warten Eltern hinter dem Tor, manche mit gesenktem Blick, andere bereit zum Streit. Die Schule liegt in der frühen Sonne der Côte d’Azur, doch die Stimmung ist schwer, fast elektrisch. Irgendetwas ist zerbrochen. Und niemand weiß so recht, wo der erste Riss begann.

Der Tag, an dem in einem Collège in Nizza die Masken fielen

Die Geschichte, die alle erzählen, beginnt mit „nur ein Witz“. Ein Sechstklässler imitiert vor den anderen den Akzent einer Mitschülerin. Ein paar Lacher, etwas erzwungen. Das Mädchen senkt den Blick, zuckt mit den Schultern und murmelt, das sei „nicht so schlimm“. Doch am nächsten Tag kursiert ein Meme in der Klassen-WhatsApp-Gruppe, das sich über ihre Herkunft lustig macht – dann noch eines, und noch eines. Ende der Woche gehen drei Schülerinnen und Schüler nicht mehr in die Mensa, um denselben Flur zu vermeiden.

Der Schulleiter versucht zu beruhigen. Eine Krisensitzung, ein paar harte Worte, eine moralische Ansprache vor dem ganzen Jahrgang. Das Wort „Rassismus“ hängt in der Luft – schwer und abstrakt. Die meisten Schülerinnen und Schüler starren auf ihre Schuhe, einige tauschen Seitenblicke, andere grinsen hinter ihren Masken. Die Erwachsenen hoffen, dass es sich legt. Stattdessen breitet es sich aus wie ein Fleck auf ihrem Ruf.

Alles eskaliert, als ein Elternteil einen langen Beitrag auf Facebook postet und das „rassistische Klima“ an der Schule anprangert. Screenshots beleidigender Nachrichten, Fotos von Schmierereien, Sprachnachrichten, in denen ein Kind sagt: „Geh zurück in dein Land.“ Der Beitrag geht lokal viral. Journalistinnen und Journalisten rufen an, die Schulbehörde schaltet sich ein, politische Akteure entdecken plötzlich die Existenz dieses Collège im Westen von Nizza. Die Geschichte bleibt nicht mehr innerhalb der Schulmauern. Sie wird zum öffentlichen Fall.

Für die Lehrkräfte ist der Schock brutal. Einige sind seit fünfzehn Jahren hier und wiederholen denselben Satz: „Das sind gute Kinder, sie sind nur orientierungslos.“ Andere sind besorgter. Sie verweisen darauf, dass in einer aktuellen internen Umfrage fast 30 % der Schülerinnen und Schüler angaben, in der Schule „schon rassistische Worte über sich selbst gehört“ zu haben. Eine Zahl, die alle kleinzureden versuchen – die aber niemand wirklich bestreitet. Die Krise ist keine abstrakte Fernsehdiskussion mehr. Sie sitzt im Klassenraum, zwischen den Tischreihen.

Die Realität ist weniger spektakulär als die Schlagzeilen – und zugleich zersetzender. Es gibt fast nie den großen Vorfall mit Kameras und Sirenen. Am meisten schmerzen die kleinen, täglichen Stiche. Spitznamen nach Hautfarbe. Wiederholte „Witze“ über die Berufe der Eltern oder das Kopftuch der großen Schwester. Lehrkräfte hören davon höchstens die Hälfte. Der Rest passiert im Flüstern, in privaten Nachrichten, in den digitalen Schatten, in die Erwachsene selten gehen. Das Collège wird zu einer Art Labor dessen, was im Land passiert: Spannungen, Stereotype, Ängste, die am heimischen Esstisch weitergegeben werden.

Wie eine Schule versucht, die Spirale zu stoppen

Die Krise zwingt die Schulleiterin und ihr Team, das Drehbuch zu ändern. Sie behandeln jede Beleidigung nicht mehr als isolierten „Vorfall“, sondern beginnen zu erfassen, was tatsächlich geschieht. Jede Meldung wird dokumentiert, jede Wiederholungstat markiert, jedes Opfer kontaktiert. Eine kleine „Krisenzelle“ wird eingerichtet: die Schulleitung, eine Beratungslehrkraft, die Schulärztin, zwei Lehrkräfte. Sie treffen sich jede Woche. Nicht in einem großen Konferenzraum, sondern in einem engen Büro voller Ordner und lauwarmen Kaffees.

In einer neuen Routine löst jede rassistische Bemerkung zwei Reaktionen aus. Erstens eine disziplinarische: Verwarnung, Elterngespräch, wenn nötig ein zeitweiliger Ausschluss. Dann ein restaurativer Schritt: ein Vier-Augen-Gespräch mit einer vertrauten erwachsenen Person, manchmal auch zwischen den Schülerinnen und Schülern selbst – begleitet und beaufsichtigt. Die Idee ist simpel: „Das ist nicht akzeptabel“ sagen und dann versuchen zu verstehen, woher es kommt und was es bei der Person auslöst, die es abbekommt. Das ist kein Zauber. Manchmal läuft es schlecht. Manchmal öffnet es eine kleine Tür.

Auch Workshops sprießen im Stundenplan. Ein lokaler Verein kommt und macht Rollenspiele zu Beleidigungen und Stereotypen. Eine Englischlehrerin nutzt Rap-Texte, um über Identität und Diskriminierung zu sprechen. Ein Geschichtslehrer stellt zu Beginn des Unterrichts eine sehr einfache Frage: „Wann hat dir jemand das Gefühl gegeben, nicht dazuzugehören?“ Erst Stille. Dann geht eine Hand hoch. Dann noch eine. Ein Schüler, die Stimme zittert: „Als sie gesagt haben, mein Name sei zu schwer auszusprechen und sie würden mich einfach anders nennen.“ Danach schaut die Gruppe diesen Jungen anders an. Ein bisschen.

Gleichzeitig lernt die Schule aus eigenen Fehlern. Jahrelang hatten manche Lehrkräfte über grenzwertige Witze mitgelacht, in dem Glauben, sie würden „die Stimmung lockern“. Jetzt sehen sie den Schaden. Also erarbeiten sie gemeinsam klare Sätze für den Moment. Kurz, bestimmt, nicht aggressiv: „So reden wir hier nicht.“ „Dieses Wort verletzt, auch wenn du es einen Witz nennst.“ Diese fertigen Formulierungen geben Erwachsenen einen kleinen Schutzschild, wenn sie überfordert sind. Denn im echten Leben findet niemand immer sofort die perfekten Worte.

An einem Nachmittag, in einer ruhigen Ecke der Bibliothek, schaut ein Mädchen aus der 8. Klasse auf die Regale und flüstert zur Bibliothekarin: „Wissen Sie, Madame, vorher dachte ich, Rassismus gibt’s nur in Amerika. Mit der Polizei und allem.“ Die Bibliothekarin antwortet sanft: „Er ist auch hier – aber hier sind auch Menschen, die dagegen kämpfen.“

„Wir können nicht so tun, als wäre die Schule eine Blase, die von dem draußen unberührt bleibt“, sagt eine Deutschlehrerin. „Schülerinnen und Schüler wiederholen, was sie im Fernsehen hören, zu Hause, auf YouTube. Unsere Aufgabe ist nicht nur Grammatik zu unterrichten, sondern ihnen auch zu helfen, Worte für das zu finden, was sie fühlen.“

  • Rassistische Worte kommen selten „aus dem Nichts“ – sie spiegeln Familiengespräche, soziale Medien und politische Spannungen.
  • „Kleine Witze“ zu ignorieren schafft einen Nährboden für ernstere Gewalt später.
  • Den Betroffenen zuzuhören hat nichts mit Schuld zu tun, sondern mit dem Verstehen einer Alltagsrealität, die andere nicht sehen.
  • Eltern brauchen klare, ruhige Informationen – keine moralische Panik und kein Wegschauen.
  • Über „Race“/Herkunft und Diskriminierung in der Schule zu sprechen ist chaotisch, emotional, manchmal unbeholfen – und trotzdem notwendig.

Was dieses Collège in Nizza über uns alle aussagt

In den Tagen nach der medialen Berichterstattung reagieren viele Leserinnen und Leser mit demselben Satz: „Das hätte auch die Schule meines Kindes sein können.“ Genau das erschreckt die Erwachsenen an diesem Collège in Nizza. Sie hatten nicht das Gefühl, in einem „Problemviertel“ zu sein. Sie sahen sich als ziemlich normale, gemischte Schule, in der man irgendwie zurechtkommt, in der Lehrkräfte die Linie halten, in der Kinder vom Abitur und von einem Roller träumen. Dann bekam die Fassade Risse, und alle mussten ansehen, was sich dahinter verborgen hatte.

Die rassistische Krise ist nicht nur eine Geschichte von „schlechten“ gegen „gute“ Schülerinnen und Schüler. Sie legt Brüche offen: zwischen Lehrkräften und Eltern, zwischen Kolleginnen und Kollegen, zwischen offiziellen Reden und dem Alltag. Einige Eltern werfen der Schule vor, „alles durchgehen zu lassen“. Andere klagen, man könne „gar nichts mehr sagen“, ohne als rassistisch abgestempelt zu werden. Zwischen diesen zwei Wänden aus Wut stehen die Kinder – und versuchen herauszufinden, wer sie sind, wo sie dazugehören und welche Worte sie benutzen können, ohne zu verletzen oder verletzt zu werden.

Auf einer Bank im Hof teilen zwei Freunde eine Tüte Chips und reden über den Streit gestern Abend im Klassenchat. Einer sagt: „Egal, mir ist das egal, wenn sie mich beleidigen, ich hab mich dran gewöhnt.“ Solche Sätze kennen wir. In kleinerem oder größerem Maßstab haben wir alle schon diesen Moment erlebt, in dem wir so tun, als würde es uns nicht treffen – nur um aufrecht zu bleiben. Genau da liegt die Gefahr: wenn Gewalt normal wird, wenn Schmerz Teil der Kulisse wird.

Gleichzeitig entsteht zwischen diesen Wänden etwas hartnäckig Hoffnungsvolles. Eine Naturwissenschaftslehrerin, die ihrer Klasse sagt: „Ich habe letztes Jahr nicht entschieden genug reagiert, ich lerne mit euch.“ Ein Vater, der zur Mutter des Kindes kommt, das sein Sohn beleidigt hat, und schlicht sagt: „Ich schäme mich, wir arbeiten zu Hause daran.“ Schülerinnen und Schüler, die in der Pause eine kleine „Zuhör-Gruppe“ gründen, mit einem handgemalten Schild: „Sprich mit uns, wenn etwas nicht okay ist.“ Seien wir ehrlich: Das macht niemand wirklich jeden Tag. Aber hier versuchen sie es – an manchen Morgen.

Niemand weiß genau, wie diese Geschichte enden wird. Vielleicht verschwinden die Schlagzeilen, die Kameras ziehen weiter, und das Leben findet wieder in seinen vertrauten Rhythmus aus Klingeln und Hausaufgaben zurück. Vielleicht bricht anderswo der nächste Skandal aus – mit denselben Worten, demselben Schock, derselben Verdrängung. Oder vielleicht hinterlassen diese Wochen der Spannung eine andere Art von Spur: die Erinnerung an einen Moment, in dem eine Schule – mit all ihren Fehlern – in den Spiegel schaute und laut sagte: „Wir werden es besser machen.“

Kernpunkt Detail Nutzen für die Lesenden
Ein „Vorfall“ legt ein größeres Unbehagen offen Aus einfachen rassistischen „Witzen“ wird am Ende eine Medienkrise Verstehen, wie eine stille Spannung plötzlich öffentlich werden kann
Die Antwort darf nicht nur strafend sein Das Collège kombiniert Sanktionen, Gespräche und Workshops Konkrete Ansätze erkennen, um in der eigenen Schule oder Familie zu reagieren
Schule spiegelt die Brüche der Gesellschaft Schülerinnen und Schüler spielen Debatten, Ängste und Klischees nach, die sie von außen kennen Abstand gewinnen zu unseren Worten, Gewohnheiten und unserem Schweigen

FAQ

  • Ist diese Krise in Nizza ein Einzelfall?
    Nicht wirklich. Viele Lehrkräfte in ganz Frankreich beschreiben ähnliche Spannungen – nur weniger sichtbar. Ungewöhnlich ist hier, dass Eltern an die Öffentlichkeit gegangen sind und alle gezwungen haben hinzusehen.
  • Ist den Schülerinnen und Schülern der rassistische Charakter ihrer Worte wirklich bewusst?
    Manchen ja, manchen nicht. Viele wiederholen Sätze, die sie zu Hause oder online hören, ohne die Wirkung zu messen. Deshalb kann es etwas verändern, Dinge in der Schule klar zu benennen.
  • Was können Eltern tun, wenn ihr Kind betroffen ist?
    Zuhören, ohne zu verharmlosen, Beweise für Nachrichten oder Beleidigungen sichern und schnell die Schule kontaktieren. Ein Gespräch mit einer Lehrkraft oder der Schulleitung öffnet oft Türen, statt sofort den Krieg zu erklären.
  • Und wenn mein Kind selbst rassistische Beleidigungen benutzt?
    Das ist schwer auszuhalten, aber es ist nicht das Ende der Geschichte. Ruhig sprechen, erklären, warum die Worte verletzen, Grenzen setzen und mit der Schule zusammenarbeiten – statt alles abzustreiten oder sofort andere verantwortlich zu machen.
  • Kann ein Collège so ein Klima wirklich verändern?
    Nicht allein und nicht über Nacht. Aber kleine, konsequente Schritte – klare Regeln, Räume zum Sprechen, Erwachsene, die eigene Fehler eingestehen – können langsam verschieben, was Kinder als „normal“ akzeptieren. Das ist bereits ein großer Schritt.

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