Zum Inhalt springen

Studien zeigen, dass Menschen, die schneller als der Durchschnitt gehen, oft bestimmte gemeinsame Eigenschaften haben.

Mann spaziert mit Kaffeebecher in der Hand durch einen grünen Park am sonnigen Tag, andere Menschen im Hintergrund.

Der erste Eindruck ist das Tempo.
An einem grauen Dienstagmorgen wirkt der Gehweg wie ein träge fließender Menschenstrom – Kaffee in der Hand, halb wach – und dann ist da diese eine Person, die sich mit einer anderen Geschwindigkeit durch die Menge schneidet. Kopf leicht nach vorn, Schritte fest, der Blick schon auf die nächste Ecke gerichtet. Sie rennt nicht, sie ist nicht gestresst, sie ist einfach … zielgerichtet unterwegs.

Sie erreicht den Zebrastreifen genau in dem Moment, in dem die Ampel grün wird. Sie gleitet an Grüppchen vorbei, die auf ihre Handys starren. Und du fragst dich: Hat sie es einfach eilig – oder steckt in der Art, wie sie geht, etwas Tieferes?

Die Wissenschaft beobachtet diese schnellen Geherinnen und Geher seit Jahren – eher leise, aber konsequent.
Und die Zahlen erzählen eine Geschichte, die weit über Schrittzähler hinausgeht.

Was das Gehtempo wirklich über einen Menschen verrät

Beobachte mittags eine belebte Straße, und du erkennst ein Muster.
Manche treiben, manche schlendern, manche scheinen beinahe zu schweben. Und dann gibt es die schnellere Gruppe: Menschen, die mit klarer Richtung gehen, als wäre ihr inneres GPS dauerhaft eingeschaltet.

Über verschiedene Studien hinweg zeigen Menschen, die schneller als der Durchschnitt gehen, häufig ein Bündel an Eigenschaften.
Sie berichten tendenziell von mehr Sinn- und Zielgefühl, stärkerer Selbstdisziplin und einem optimistischeren Blick auf die eigene Zukunft. Nicht im glänzenden Instagram-Sinn – eher wie ein leiser innerer Motor, der nicht einfach ausgeht.

Forschende nennen das Gehtempo ein „Vitalzeichen“.
Nicht nur für den Körper, sondern auch für den Geist – und dafür, wie er sich in die Welt hinaus projiziert.

In einer großen britischen Studie mit mehr als 400.000 Erwachsenen lebten diejenigen, die sich selbst als „zügige Geher“ bezeichneten, im Schnitt länger als langsame Geher – unabhängig vom Gewicht.
Das ist ein bemerkenswertes Detail: Das Tempo auf dem Gehweg war ein besserer Prädiktor für die Lebenserwartung als der BMI.

Andere Arbeiten verknüpfen schnelleres Gehen mit besserer exekutiver Funktion – also mit der Fähigkeit des Gehirns, zu planen, fokussiert zu bleiben und Aufgaben zu koordinieren. Bei älteren Menschen geht ein flotterer Schritt häufig mit schärferem Gedächtnis und schnelleren Reaktionszeiten einher.
Das heißt nicht, dass langsame Geher „verloren“ sind – aber es zeigt, wie unsere Füße leise widerspiegeln, was im Kopf passiert.

Denk an diese Kollegin oder diesen Kollegen, der immer schnell und effizient durchs Büro geht.
Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass diese Person auch eher Deadlines einhält, sich schneller von Rückschlägen erholt und fast ständig eine mentale Liste von „Was kommt als Nächstes?“ mit sich trägt.

Psychologinnen und Psychologen vermuten, dass das Gehtempo widerspiegelt, wie wir unsere Energie einsetzen.
Schnellere Geher schneiden oft höher bei Gewissenhaftigkeit ab: Sie wollen Dinge erledigen, hassen Zeitverschwendung und strukturieren ihren Tag ganz natürlich.

Es gibt außerdem einen Zusammenhang mit Extraversion und Selbstvertrauen.
Wer schneller geht, nimmt Raum anders ein: Schultern etwas offener, Blick etwas direkter. Das lesen andere unbewusst als: Diese Person weiß, wohin sie will.

Auch gesundheitlich ist die Botschaft klar.
Eine höhere natürliche Gehgeschwindigkeit hängt zusammen mit besserer Herz-Kreislauf-Fitness, größerer Lungenkapazität und einem geringeren Risiko für einen frühen Tod. Eine Meta-Analyse fand sogar: Wenn man das übliche Tempo nur um ein paar Minuten pro Kilometer erhöht, kann das das Risiko für Herzkrankheiten senken.

All das steckt in einem simplen Weg zur Bushaltestelle.

Kann man lernen, schneller zu gehen?

Die beruhigende Nachricht: Das Gehtempo ist kein festes Persönlichkeits-Etikett.
Es ist teilweise genetisch, ja – aber es ist auch trainierbar, wie Haltung oder Handschrift.

Ein praktischer erster Schritt ist, die eigene Geschwindigkeit zu kennen.
Die meisten Erwachsenen liegen bei einem Alltagsgang irgendwo zwischen 4 und 5 km/h. Wenn du dich ein paar Mal über 500 Meter stoppst (keine Smartwatch nötig, ein Handy-Timer und eine Karten-App reichen), hast du eine Ausgangsbasis. Von dort kannst du dein Tempo in kurzen Abschnitten behutsam erhöhen.

Eine einfache Methode, die in Reha-Kliniken genutzt wird, funktioniert auch auf ganz normalen Stadtwegen.
Gehe zwei Minuten in deinem üblichen Tempo, dann beschleunige bewusst für 30 bis 60 Sekunden – kein Joggen, nur ein entschlossenerer Schritt. Danach wieder zwei Minuten normal. Wiederhole dieses „zügige Intervall“-Muster 10 bis 15 Minuten lang.

Drei- oder viermal pro Woche gemacht, bringt das deinem Körper nach und nach ein neues Standardtempo bei.
Die Atmung passt sich an, die Beine lernen den Rhythmus, und das Nervensystem gewöhnt sich an den durchsetzungsfähigeren Schritt.

Auf menschlicher Ebene fühlen sich viele dabei zunächst ein bisschen albern, wenn sie absichtlich schneller gehen.
Sie befürchten, es wirke aggressiv – oder andere könnten denken, sie seien zu spät oder verärgert.

Hier hilft ein kleines Umdeuten. Statt „Ich hetze“ denk: „Ich bewege mich mit Absicht.“ Du sprintest nicht durchs Leben, du lässt nur dein Außen zu der Richtung passen, die du innen gern hättest.
Ein kleiner Trick: Wähle vor dem Losgehen einen „Ziel-Gedanken“ – einen klaren Grund, warum du gerade gehst, selbst wenn es nur ist: „Ich gehe, um meinen Kopf zwischen zwei Meetings zu resetten.“

Dazu kommt die körperliche Seite. Viele bremsen ihr eigenes Tempo unbewusst aus.
Sie machen winzige Schritte, knicken leicht in der Hüfte ein oder starren aufs Handy. Wenn du den Schritt minimal verlängerst, den Blick zum Horizont hebst und die Arme freier mitschwingen lässt, kann das fast ein halbes km/h bringen, ohne sich anstrengender anzufühlen.

An schlechten Tagen rutscht man leicht in ein langsames, schleppendes Gehen zurück, das die Stimmung spiegelt.
Du bist nicht „kaputt“, wenn das passiert. Du bist einfach menschlich.

„Manchmal sage ich meinen Patientinnen und Patienten: Gehen Sie so, als würden Sie Ihre Zeit respektieren“, sagte mir ein Kardiologe in Paris. „Nicht, um jemanden zu beeindrucken – sondern um sich selbst daran zu erinnern, dass Ihre Minuten einen Wert haben.“

Diese Art von „verkörperter Haltung“ ist wichtig, weil Gehen einer der seltenen Momente ist, in denen Körper und Identität in Echtzeit miteinander verhandeln.
Wie du dich bewegst, wirkt zurück darauf, wie du dich fühlst – und wer du glaubst zu sein.

  • Kleine tägliche Impulse
    Wähle eine regelmäßige Strecke – zur Arbeit, zum Laden, zum Abholen der Kinder – und mache sie zu deinem „zügigen Abschnitt“. Gleicher Weg, etwas schnelleres Tempo.
  • Mikro-Ziele
    Nutze Orientierungspunkte: „Von dieser Ecke bis zur Haltestelle gehe ich wie jemand, der einen klaren Plan hat.“ Mehr nicht.
  • Sanfter Selbst-Check
    Wenn dein Gehen zum Schlurfen geworden ist, frag dich: „Was würde sich ändern, wenn ich nur 10 % mehr Absicht in meine Schritte lege?“ Dann teste es zwei Minuten.

Gehtempo, Emotionen und die Geschichte, die wir uns erzählen

Auf einem vollen Bahnsteig oder in einem Einkaufszentrum verrät unser Tempo oft unser emotionales Wetter.
Ängstliche Menschen beschleunigen häufig, aber mit engem, ruckartigem Schritt. Müde oder niedergeschlagene Menschen werden langsamer, die Schultern sinken ein, die Füße werden schwerer.

Deshalb messen manche Depressionsstudien buchstäblich den Gang.
Sie zeigen, dass ein langsameres, stärker zusammengesacktes Gehen negative Gedanken sowohl widerspiegeln als auch verstärken kann. Wenn Teilnehmende gebeten werden, sich aufzurichten und etwas schneller zu gehen, sinkt ihre Erinnerung an negative Wörter – als würde der Körper leise am mentalen Drehbuch mitschreiben.

Im Alltag bemerkst du vielleicht, wie sich dein Gang nach einer harten E-Mail, einem Streit oder einem kleinen Erfolg verändert.
Unsere Beine verraten uns oft, bevor es unser Gesicht tut.

Es gibt außerdem ein kulturelles Drehbuch rund um Tempo. In manchen Städten ist schnelles Gehen fast eine soziale Pflicht; in anderen gilt es als Stress oder Kälte. Auf einer Ferieninsel fällt ein zügiger Geher auf. In Manhattan fällt ein langsamer Schlenderer auf.

Wir passen uns an. Teenager werden langsamer, um das Tempo der Freunde zu treffen. Neue Mitarbeitende spiegeln den Rhythmus ihrer Chefin oder ihres Chefs.
Mit der Zeit kann diese soziale Choreografie verwischen, wie dein eigenes natürliches Tempo ohne äußeren Druck eigentlich wäre.

Darum kann ein kurzer Solo-Spaziergang in deinem eigenen Tempo überraschend aufschlussreich sein.
Kein Workout, kein Telefonat – nur du und deine Schritte. Driftest du von selbst in ein langsames Umherwandern, oder fühlst du dich zu einem schnelleren, gerichteteren Rhythmus hingezogen?

Manche Therapeutinnen und Therapeuten nutzen sogar das Gehen nebeneinander als Teil ihrer Arbeit.
Gemeinsam in einem geteilten Tempo zu gehen, hilft Menschen, an Gedanken heranzukommen, die ihnen im direkten Gegenübersitzen schwerer zugänglich sind. Der Rhythmus der Schritte wird zu einer Art Metronom für das Gespräch.

Wir alle kennen diesen Moment, in dem ein Spaziergang mit jemandem – einem Elternteil, einem Freund, einer Partnerin – still mehr gelöst hat als eine Stunde Reden.
Das gemeinsame Tempo sagte ohne Worte: Ich bin bei dir.

Das alles heißt nicht, dass du zu einem dauerhaft zügigen Menschen werden musst.
Seien wir ehrlich: Das macht wirklich niemand jeden Tag.

Was die Forschung leise nahelegt, ist etwas Differenzierteres.
Wenn du nie, wirklich nie diesen inneren Impuls spürst, schneller und zielgerichteter zu gehen, könnte es sich lohnen zu fragen, warum. Ist es nur Müdigkeit – oder läuft dein Gefühl von Richtung (im Beruf, in Beziehungen, in der Gesundheit) gerade auf Sparflamme?

Ein schnellerer Geher ist nicht automatisch glücklicher, freundlicher oder weiser.
Doch die Eigenschaften, die oft mit diesem Tempo reisen – Selbstachtung, Planung, der Glaube, dass Minuten zählen – sind Dinge, die viele von uns still aufbauen wollen.

Und manchmal ist es der erste, fast albern aussehende Schritt, die Füße so zu trainieren, als hätte deine Zeit einen Wert – damit es sich irgendwann auch wirklich so anfühlt.

Wenn du also das nächste Mal an diesem grauen Dienstag auf dem Gehweg bist, beobachte den Strom erneut.
Sieh, wer driftet, wer trödelt, wer sich durch die Menge schneidet, als wäre er an einen inneren Kompass gekoppelt.

Dann nimm dein eigenes Tempo wahr.
Nicht um es zu bewerten, sondern um zuzuhören, was es über die Lebensphase sagt, in der du gerade bist.

Vielleicht bist du in einer nötigen langsamen Phase und heilst von etwas Unsichtbarem. Vielleicht bist du bereit für eine kleine Verschiebung, ein winziges Experiment im Gehen mit etwas mehr Absicht.
So oder so: Dein Tempo erzählt bereits eine Geschichte.

Du kannst sie bearbeiten – Schritt für Schritt.

Kernaussage Detail Nutzen für den Leser
Gehgeschwindigkeit als „Vitalzeichen“ In großen Studien mit Langlebigkeit, Herzgesundheit und Gehirnfunktion verknüpft Hilft dir, deinen Alltagsweg als stillen Gesundheitsindikator zu verstehen
Psychologische Merkmale schneller Geher Häufig gewissenhafter, zukunftsorientierter und selbstsicherer in der Bewegung Lädt zur Reflexion über eigene Gewohnheiten und innere Erzählungen ein
Trainierbares Tempo Einfache Intervalle und Haltungsanpassungen können die natürliche Geschwindigkeit sanft erhöhen Bietet konkrete Schritte statt reiner Beobachtung

FAQ

  • Ist langsames Gehen immer ein schlechtes Zeichen?
    Nicht unbedingt. Manche Menschen sind von Natur aus langsamer, und der Kontext zählt – ein entspannter Urlaubsbummel ist etwas anderes als dauerhafte Trägheit. Kritischer wird es, wenn ein langsames Tempo plötzlich auftritt, sich mit der Zeit verschlechtert oder mit Müdigkeit, Schmerzen oder kognitiven Veränderungen einhergeht.
  • Was gilt in Studien als „schnelles“ Gehtempo?
    Viele Studien definieren zügiges Gehen bei Erwachsenen als etwa 5 bis 6,5 km/h – oder als ein Tempo, bei dem die Atmung etwas tiefer wird, man aber noch in kurzen Sätzen sprechen kann. Es geht weniger um eine Zahl als darum, klar schneller als beim eigenen gemütlichen Gang zu sein.
  • Kann schnelleres Gehen mein Leben wirklich verlängern?
    Keine einzelne Gewohnheit ist ein Zauberschlüssel, aber zügiges Gehen ist stark mit einem niedrigeren Risiko für frühen Tod, Herzkrankheiten und einige Demenzformen verbunden. Regelmäßiges, zielgerichtetes Gehen wirkt wie ein kostenloses, gelenkschonendes Cardiotraining, das in den Alltag eingewoben ist.
  • Was, wenn ich Gelenkschmerzen oder eine Erkrankung habe?
    Dann haben Komfort und Sicherheit Priorität. Medizinisches Fachpersonal kann helfen, Tempo und Distanz anzupassen. Manchmal bedeutet „schneller“ für dich einfach etwas mehr Regelmäßigkeit oder etwas mehr Armschwung – statt einer bestimmten Geschwindigkeit hinterherzujagen.
  • Macht schnelleres Gehen automatisch mehr Stress?
    Nicht zwingend. Stress entsteht eher durch inneren Druck und fehlende Erholung als durch Tempo an sich. Viele erleben, dass ein fester, gleichmäßiger Gang Spannung abbaut und den Kopf klärt – besonders, wenn er Bildschirmzeit oder zielloses Scrollen ersetzt.

Kommentare (0)

Noch keine Kommentare. Sei der Erste!

Kommentar hinterlassen