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In Burgund lebt eine Frau im Wohnwagen, um das Ökosystem zu schützen – ihr mutiges Vorhaben fasziniert.

Frau pflanzt Blumen neben einem Camper in einem grünen Feld, Vogelhaus und Gartengeräte in der Nähe.

Auf der kleinen, kurvigen Straße, die sich durch die Weinberge Burgunds schneidet, fallen die Wohnmobile der Touristinnen und Touristen ins Auge. Aber nicht dieser alte weiße Wohnwagen, fast verschluckt von hohem Gras und blühenden Schlehen. Davor schließt eine Frau in Gummistiefeln behutsam eine große Komposttonne, die Hände noch voller dunkler Erde. Sie heißt Marie, 39, studierte Agraringenieurin, und sie hat eine radikale Entscheidung getroffen: Raus aus der Stadtwohnung, rein in einen Wohnwagen – mitten auf einem Grundstück, das sie sich weigert zu „rentabilisieren“. Um sie herum scheinen Insekten, Vögel und Brombeerranken ihr Revier zurückzuerobern. Der Winzer von nebenan schüttelt den Kopf, irgendwo zwischen Skepsis und Neugier. Marie lächelt. In ihrem Blick schwankt etwas zwischen Verletzlichkeit und einer fast sturen Entschlossenheit.

Klein leben im Herzen Burgunds

Morgens steigt Nebel aus dem Tal auf und hüllt den Wohnwagen ein wie eine Decke. Drinnen ist es winzig: ein Bett, ein kleiner Tisch, ein Kocher, ein paar aufgestapelte Bücher. Marie schlängelt sich hindurch, öffnet das Fenster und lässt die kühle Luft herein, die nach nassem Weinberg und feuchtem Holz riecht. Sie erhitzt Wasser auf ihrem alten Campingkocher, notiert das Tageswetter in ein Heft und hört Kohlmeisen, die in die Äste klopfen. Sie lebt seit fast zwei Jahren hier, auf diesem Familiengrundstück, das man eigentlich zu einem Ferienhaus umbauen wollte. Sie hat Nein gesagt. Keine Poolanlage, kein Parkplatz. Sie wollte sehen, was passiert, wenn man ein Stück Erde wieder atmen lässt.

Diese Entscheidung kam nicht aus dem Nichts. Früher arbeitete Marie in einer Beratungsfirma in Lyon und reihte PowerPoint-Präsentationen über „nachhaltige Transformation“ für Lebensmittelkonzerne aneinander. Eines Tages, in einem zu stark klimatisierten Großraumbüro, merkte sie, dass sie über Ökosysteme sprach, die sie gar nicht mehr sah. Ihr Vater schlug ihr vor, in den Familienbetrieb einzusteigen, zu vergrößern, noch mehr zu pflanzen. Sie schlug das Gegenteil vor: ein ganzes Stück Fläche aus der Verwertung zu nehmen. Es zugleich kultiviert und wild zu lassen, beobachtet wie ein Freiluftlabor. Zahlen halfen ihr bei der Entscheidung: In Frankreich sollen in wenigen Jahrzehnten fast 80 % der fliegenden Insekten verschwunden sein. Sie beschloss, dass dieses kleine Stück Burgund nicht länger zu dieser stillen Blutung beitragen würde.

Ihr Projekt folgt einer einfachen Logik: Wenn sie ihre materiellen Bedürfnisse drastisch reduziert, sinkt auch der ökonomische Druck auf den Boden. „Je weniger Geld ich brauche, desto mehr kann ich die Natur in Ruhe lassen“, fasst sie zusammen, eine angeschlagene Tasse in der Hand. Sie lebt mit etwa 650 Euro im Monat, im Wechsel aus saisonalen Einsätzen, pädagogischen Workshops und kleinen Online-Einnahmen. Sie kompostiert, sammelt Regenwasser, kocht fast alles selbst. Der Wohnwagen ist Basis, kein Gefängnis. Sie spricht von „leichtem Wohnen“ als einem Werkzeug, um dem Gelände zurückzugeben, was es vor Zäunen war. Die Wette – ein bisschen verrückt – ist, dass diese freiwillige Genügsamkeit einen positiven Kreislauf auslöst, den am Ende auch die Nachbarschaft bemerkt.

Wie ein Wohnwagen zum Werkzeug wurde, eine Landschaft zu heilen

Unter dem Wohnwagen ist der Boden nicht betoniert. Nur vier Holzklötze tragen ihn. Marie besteht darauf, alles so zu halten, dass es rückbaubar bleibt. Sie hat sogar auf einen Anbau in Holzrahmenbauweise verzichtet, der auf Pinterest ziemlich verlockend aussah. Sie wollte, dass das Grundstück, falls sie eines Tages geht, seine frühere Form wiederfinden kann – höchstens gezeichnet von ein paar kräftigeren Brennnesselbüscheln. Rundherum hat sie gemischte Hecken gepflanzt: Schlehe, Weißdorn, Hasel, Hartriegel. Nicht in perfekten Reihen, sondern in Bögen, als Schutz für Vögel und kleine Säuger. Drei Haufen Totholz hat sie absichtlich angelegt – „Vier-Sterne-Hotels für Insekten und Pilze“, witzelt sie.

Ihr „Labor“ zeigt bereits sichtbare Ergebnisse. Im ersten Jahr wirkte das Gelände wie eine kurzgeschorene Fläche, geprägt von früheren, zu regelmäßigen Schnitten. Heute läuft man dort wie durch eine bewohnte Brache. Wilde Orchideen sind zurückgekommen, ohne dass sie sie gepflanzt hätte. Sie hatte Spaß daran, jede neu gesichtete Vogelart zu notieren: 17 in der ersten Saison, über 40 im Jahr darauf – darunter ein Wendehals, hier selten. Die Nachbarn kamen zuerst, um sich über diesen „Dschungel“ lustig zu machen. Dann begann einer von ihnen, ein Winzer auf dem Weg zum Bio-Anbau, sie zu fragen, wie man Fledermäuse zurück auf die Parzellen holt. Ein anderer schaute sich ihr Regenwassersammelsystem an, um es in einer Halle nachzubauen.

Mit der Zeit findet Marie Worte für das, was sie tut: Sie spricht von einem „ökologischen Rückzugsraum“, aber auch von einem „sozialen Labor“. Sie sieht, wie sehr ihr Wohnwagen Denkgrenzen verschiebt. Sie behauptet nicht, ein Vorbild zu sein; sie weiß, dass sie privilegiert ist, überhaupt Land geerbt zu haben. Aber ihr Experiment macht etwas Unbequemes sichtbar: Wenn man ein Ökosystem wirklich schützen will, muss man manchmal auf Quadratmeter Komfort verzichten – auf gebaute Fläche, auf Excel-rentable Projekte. Sie verteufelt nicht die Nachbarn, die Ferienunterkünfte oder Gästezimmer bauen. Sie weiß, dass nicht jeder Lust hat, auf einem Kocher zu kochen. Sie zeigt nur, in ihrem Maßstab, dass eine andere Richtung möglich bleibt, wenn man ein bescheideneres, langsameres Leben akzeptiert.

Praktische Lektionen aus einer radikalen Entscheidung

Maries erste Methode ist unspektakulär: Sie zählt alles. Liter Wasser, Einkaufstüten, Kilowattstunden, gefahrene Autokilometer. Nicht um sich zu geißeln, sondern um konkret zu sehen, wo die Übertreibungen sitzen. Angefangen hat sie mit einem einfachen Heft auf dem Wohnwagentisch. Jedes Mal, wenn sie den Hahn ihres Wasserkanisters öffnete, notierte sie es. Am Ende der Woche bündelte sie die Zahlen. Ergebnis: Ihr Wasserverbrauch sank in wenigen Monaten auf ein Viertel – ohne kalt zu duschen oder wie auf Dauer-Biwak zu leben. Sie merkte, dass sie Komfortgesten behalten kann, aber seltener, bewusster, ausgewählter.

Sie rät oft, nicht alles auf einmal umzustürzen. Manchmal kommen Leute zu ihr mit dem Wunsch, alles hinzuschmeißen und schon am nächsten Tag in einer Hütte zu leben. Sie schüttelt den Kopf. „Fang lieber mit einem Zimmer in deinem Zuhause an – oder mit einem Wochenende im Monat – statt mit einem großen, theatrale Sprung.“ Sie weiß, wie schnell Müdigkeit einen einholt, wenn es drei Tage am Stück regnet und ausgerechnet abends, wenn man Crêpes machen wollte, das Gas undicht ist. Sie erzählt auch von ihren Fehlschlägen: Im ersten Winter unterschätzte sie die Kälte, schlief mit drei Pullovern und wurde krank. Seien wir ehrlich: Niemand macht das jeden Tag mit einem Lächeln. Sie betont einen Punkt: Dauerhafte Genügsamkeit ist die, die lebbar bleibt – nicht die, die auf Instagram beeindruckt.

Über ihrem Bett hängt ein Satz, hingekritzelt, aus einem Bordbuch ihres ersten Jahres:

„Ich habe verstanden, dass ich nichts ‚retten‘ werde. Ich kann nur ein bisschen weniger stören, was um mich herum zu leben versucht.“

Diese Klarheit hilft ihr, nicht zur „Zero-Impact“-Gurufigur zu werden. Manchmal kocht sie Tee für Besucherinnen und Besucher, die von Klima-Nachrichten erschöpft sind, sich ohnmächtig oder schuldig fühlen. Sie hört zu, zeigt ihr Gelände, ohne Kompromisse oder Widersprüche zu kaschieren. Am Eingang hängt sogar eine kleine handgeschriebene Liste – fast wie ein pädagogischer Kasten:

  • Ein Bedürfnis reduzieren, bevor man nach einer „grünen“ Lösung sucht
  • Mindestens 15 Minuten pro Tag die Umgebung beobachten – ohne Bildschirm
  • Akzeptieren, dass ein Ort nicht „sauber“ sein muss, sondern lebendig
  • Über Grenzen genauso sprechen wie über Erfolge

Ein kleiner Wohnwagen, große Fragen

Wenn die Sonne hinter den Hängen untergeht, zeichnet sich der Wohnwagen als Scherenschnitt zwischen den Hecken ab. Hinter dem kleinen Fenster flackert eine Kerze, eine Amsel singt ihren letzten Ruf oben auf einem Pfahl. Marie setzt sich auf einen Campingstuhl, ein Pullover über den Schultern, und betrachtet ihr Gelände, wie man einen Endlosfilm schaut. Nichts ist spektakulär – und doch zählt jedes Detail: eine Maus, die den Weg kreuzt, ein Nachtfalter, der um die Lampe kreist, eine Fledermaus, die durch die Dämmerung schneidet. Sie weiß, dass sie vielleicht eines Tages nicht mehr hier leben wird. Manchmal träumt sie von einer Werkstatt in der Stadt, von einer etwas größeren Küche, von einer Dusche, die im Februar nicht einfriert.

Ihr Wohnwagen bliebe dann als Zwischenkapitel – aber auch als Beweis. Ein Beweis, dass ein alternatives Leben in einer Region, die weltweit für Wein und Tourismus bekannt ist, Wurzeln schlagen kann, ohne zwangsläufig zur Marketingkulisse zu werden. Die Leute im Dorf sehen sie nicht mehr als „das seltsame Mädchen in der Roulotte“. Manchmal bringen sie ihr Marmeladengläser vorbei oder fragen, ob sie noch Stecklinge ihrer wilden Hecken hat. Eine Lehrerin organisierte einen Ausflug mit ihrer Klasse, um zu zeigen, wie ein Grundstück aussieht, das nicht millimetergenau kurz geschoren ist. Die Kinder suchten Insekten, stellten Fragen, schlugen vor, wiederzukommen und Blumen zu pflanzen. Marie sagte lachend zu.

Ihre Geschichte zirkuliert inzwischen weit über Burgund hinaus: Artikel, Videos, ein wachsendes digitales Weitererzählen. Manche finden sie radikal, andere inspirierend, wieder andere ärgern sich über das, was sie als „als Tugend getarntes Privileg“ wahrnehmen. Sie hält diese Kritik aus, manchmal schmerzhaft, und erinnert daran, dass keine noch so spektakuläre Geste eine starke kollektive Handlung ersetzt. Dieser Wohnwagen ist keine Wunderlösung, sondern ein Spiegel unserer Gewohnheiten. Wir alle kennen diesen Moment, in dem wir uns fragen, wie unser Leben aussähe, wenn wir ein wenig Komfort aufgäben, um wieder Sinn zu finden. Der Unterschied: Hier, mitten in den Weinbergen, hat jemand beschlossen, es wirklich zu versuchen.

Kernpunkt Detail Nutzen für Leserinnen und Leser
Rückbaubares Wohnen Wohnwagen ohne Fundamente, leichte Einbauten, gepflanzte Hecken statt Mauern Liefert konkrete Ideen, um den dauerhaften Fußabdruck des Wohnens zu begrenzen
Ökologie des „Weniger“ Freiwillige Reduktion von Bedürfnissen (Wasser, Energie, Fläche) vor Hightech-Lösungen Zeigt Handlungswege ohne großes Budget und ohne komplizierte Technik
Soziales Labor Dialog mit Nachbarn, Schulen, Besuchenden; Teilen von Erfahrungen und Zweifeln Regt an, lokale Gemeinschaftsprojekte aus einer individuellen Initiative heraus zu denken

FAQ:

  • Lebt Marie komplett autark (off-grid)? Nicht vollständig. Sie reduziert ihre Bedürfnisse so weit wie möglich, nutzt Regenwasser und Gas, ist aber weiterhin auf einige externe Ressourcen und gelegentliche Hilfe aus dem Dorf angewiesen.
  • Ist es in Frankreich legal, in einem Wohnwagen auf dem eigenen Land zu wohnen? Das hängt von lokalen Regeln und der Bauleitplanung ab. In ihrem Fall hat sie die Aufstellung angezeigt und hält alles rückbaubar, um innerhalb eines flexiblen rechtlichen Rahmens zu bleiben.
  • Kann eine kleine Fläche wirklich etwas für die Biodiversität bewirken? Ja, besonders in zerschnittenen Landschaften. Schon einige tausend Quadratmeter mit Hecken, Totholz und ohne Pestizide können zu Rückzugsraum und Korridor für viele Arten werden.
  • Muss man in einen Wohnwagen ziehen, um dem Ökosystem zu helfen? Nein. Man kann dort anfangen, wo man ist: einen Teil des Gartens verwildern lassen, Wasser- und Energieverbrauch senken und die eigene Vorstellung von „ordentlich“ im Außenraum verändern.
  • Wie viel Geld braucht so ein Lebensstil? Weniger als ein konventionelles Leben, aber nicht nichts. Marie lebt mit unter 700 Euro im Monat – dank geringer „mietähnlicher“ Kosten, kleiner Jobs und sehr begrenztem Konsum.

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